Vom Luxus der Launen

Ich gähne. Wieder mal zu spät ins Bett gegangen. Warum rettet Batman Gotham City immer erst nach Mitternacht?

Ich habe Kopfschmerzen. Ein übles Pochen knapp über den Augenbrauen. An den zwei Flaschen Fiege Bernstein wird es wohl nicht gelegen haben. Dann schon eher am Tullamore Dew. Ich hätte mehr Eis nehmen sollen. Und Cola. Aber die stand nicht auf meiner Einkaufsliste. Vergessen. Stattdessen also Whiskey pur. Trinke ich sonst eigentlich nicht. Das brennt vielleicht, dieses Teufelszeug! Zuerst im Mund, da wird mir schon leicht flau, dann in der Speiseröhre und kurz darauf in meinem Bauch. Konzentrierter Alkohol ist für einen Reizmagen Gift.  Aber gestern war mir danach. Geschmeckt hat´s mir nicht. Aber wen juckt´s! Dummheiten sind ja kein Privileg der Jugend. Je ne regrette rien.

Meinen Schritt auf den Balkon, den bereue ich allerdings sofort. Eisiger Wind, Nieselregen. Und ich ohne Pantoffeln. Super! Der Tag beginnt mit nasskalten Füßen und mindestens so grau wie meine miese Stimmung. Und überall liegen diese kackbraunen Blätter rum. Ich mache den einen Schritt ins Zimmer zurück und versuche mir einbeinig balancierend die nassen Socken auszuziehen, ohne dabei in unsere Kakteensammlung zu stürzen. Ein Ötsch saust im Sturzflug durch das Wetterpanorama vor meinem Wohnzimmerfenster. Warum fliegt der bei so einem Schweine-Wetter? So ein Dummspatz.

Aus der anderen Richtung weht der Duft von frischem Kaffee herüber. Meine Gattin ist aufgestanden – der erste Lichtblick am heutigen Morgen. Also der Kaffeeduft, nicht meine Frau. Mal ganz ehrlich, mal unter uns, Frauen sehen morgens nicht wirklich so aus wie in diesen Spielfilmen, wo sie ihren Bettgefährten zärtlich mit ihrer langen Löwenmähne wachkitzeln, bevor sie ihm mit warmen Lippen ihren frischen Atem einhauchen, um ihm danach ins Ohr zu flüstern: „Na, mein starker Tiger. Hast du was dagegen, wenn ich dich zum Frühstück vernasche?“

„Soll ich frische Brötchen holen?“, Susannes Kopf lugt um die Wohnzimmertür herum.

„Aber natürlich mein Schatz, das sollst du.“

Meine Frau sieht noch etwas verschlafen aus, schenkt mir aber ein Lächeln. Das ist mir lieber als perfekt gestylte Haare und ein mit Schminke zugespachteltes Gesicht.

Am Horizont wird´s auch heller. Tatsächlich. Vielleicht sollte ich mit dem Gejammer aufhören und mir stattdessen einen Kaffee gönnen.

Und außerdem. Was soll eigentlich dieses ständige Wettergenörgel? Hier bei uns herrscht keine Dürre, keine Hungersnot, kein Hochwasser, kein Erdbeben, nicht mal ein Tornado braut sich über mir zusammen. Stattdessen darf ich die gemütliche Umgebung, einen Frühstückstisch mit frischen Brötchen, Wurst, Käse und Tomaten, duftendem Kaffee und die freundliche Gesellschaft meiner Liebsten genießen. Und etwas später, wenn ich durch den Schrebergarten gejoggt bin und mir die frische Brise um die Nase habe wehen lassen, setze ich mich mit meiner Quietsche-Ente in die mit warmem Wasser und Badezusatz der Sorte „Inselparadies Aloha“ gut gefüllten Wanne und lasse ein paar Blasen blubbern.

Ich werde also definitiv weder verdursten, verhungern, ertrinken, erschlagen oder auch nur ansatzweise obdachlos. Anders ausgedrückt: Mir … geht … es … gut.

Ich öffne das kleine Fenster, frische Luft strömt herein. Noch traut sich keiner am frühen Morgen seinen Aduro-tronic bestückten Edelstahl – Kaminofen mit selbstreinigendem Glaskeramikfenster zu befeuern. Nicht etwa der Kälte wegen, Gott bewahre. Dafür gibt es ja die Fernwärme. Just for fun, just for the Gemütlichkeit.

Ich trete wieder hinaus auf den Balkon. Es regnet nicht mehr. Sonnenstrahlen verwandeln das Dunkelgrau der Wolken in einen glitzernden Figurentanz. Ganz in der Ferne ein wütender Riese, dort ein Schäfchen mit nur zwei Beinen, eine winkende Hand, ein fliegender Fisch … Und der Herbstwind spielt mit den Blättern. Sieht aus, als hätte er seinen Spaß dabei. Auch die Vögel sausen weiterhin durch die Lüfte. Ist sicher traumhaft schön, so über der Erde dahinzugleiten … oder auch einfach nur geil. Wenn es junge Piepmatzen sind.

Soeben landet ein Rotkehlchen in unserem Balkonkasten. Zwitschert. Stört sich nicht daran, dass ich zurückzwitschere. Plappert einfach fröhlich weiter. Meine bessere Hälfte plappert auch, irgendwo da hinten, in der Küche. Jetzt hör ich sie rufen.

„Kommst du Bärchen? Das Frühstück ist fertig!“

„Bin schon da …“

Tschüss Rotkehlchen. Und noch einen schönen Herbsttag!

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