Im Duell: „Echte Bratkartoffeln“ gegen Fast Food

Potato-Man

Zum x-ten mal der Blick in den Spiegel. Verdammt, das Lipgloss war am unteren Rand etwas verwischt! Schnell mit dem Finger … ich zitterte ein wenig. Jetzt konnte man schon seine polternden Schritte auf der Holztreppe hören. Wann hatte ich das letzte Mal vor Aufregung so geschwitzt? Ich schnupperte an meinen Achseln, frisch rasiert und eingeschmiert. Das „Versace Eros Pour Femme“ brannte höllisch, hielt aber bislang, was es in der Werbung versprochen hatte. Ob ich deshalb allerdings als Frau unwiderstehlich wirken würde…

„Lass ma gucken.“

Hoppla, der Kerl ging ja ganz schön ran! Doch Niklas würdigte mich kaum eines Blickes, schob mich grinsend beiseite und drängelte sich in den Flur. Im Vorbeigehen hauchte er mir ein schlaffes Küsschen auf die Wange.

„Mal sehen, wie´s bei dir so aussieht.“

Er huschte wie ein Eichhörnchen durch die Wohnung, blieb hier und da kurz stehen, ließ seine Blicke schweifen, um dann mit einem Ruck weiterzuhasten.

„Das meiste ist wohl von IKEA , oder?“

Gönnerhaft tätschelte er meine Schulter.

„Na, das wird schon noch. Meine Möbel sind alle von Marktmann. Ganz edel, die kann ich dir nur wärmstens empfehlen. Kostet natürlich.“

Er hob seine Hand fast bis vor meine Nase und rieb demonstrativ Daumen und Zeigefinger gegeneinander.

„Aber es lohnt sich. Alles ganz individuell. Mit Feng Shui und so. Da entsteht vollkommene Harmonie. Deine Wohnung ist es leider genau das Gegenteil. Die unterschiedlichen Hölzer deiner Möbel und dieser ganze Krimskrams, der hier rumliegt. Das hat kein gutes Karma. Und außerdem, dieser große Spiegel, der verstärkt die negative Energie … den würde ich sofort rausschmeißen.“

Für einen Moment lag mir auf der Zunge: A apropos negative Energie und rausschmeißen, da fällt mir was ein …, aber dann schluckte ich es herunter.

„Komm, lass uns mal in die Küche gehen. Ich hab das Meiste schon vorbereitet.“

Stolz präsentierte ich Niklas meine Bratkartoffeln mit bunter Gemüsebeilage.

„Mit frischem Lauch, Möhren und Paprika. Kümmel, rotem Pfeffer und etwas Oregano. Gerösteter Knoblauch ist auch drin. Na, was sagst du?“

Ich reichte ihm einen gefüllten Löffel.

Niklas schlürfte ihn leer, sah eine Weile an die Decke, als ob er dort etwas suchen würde und zog die Stirn in Falten.

„Also frischer Knobi wäre auf jeden Fall besser gewesen…“

Er nahm noch eine Portion und schmatzte ein wenig vor sich hin. In Gedanken sah ich ihn bei einer Weinprobe. Fehlte nur noch, dass er alles wieder ausspuckte…

„Etwas zu viel Thymian. Schade. Und Pfeffer ist auch zu wenig dran. Insgesamt ´ne Drei plus, würd ich sagen. Wie sieht´s denn mit den Kartoffeln aus, die sind aber nicht Bio, oder…?“

Mein Lächeln gefror, ich schluckte.

„Ja, na klar, die hab ich gestern noch selbst gepflückt!“

Mein grimmiger Ton und die Ironie schienen an ihm abzuprallen.

„Ach herrje, Mäuschen. Die schmecken doch sehr nach Sieglinde und die Sorte ist wirklich nicht Bio!“

Niklas aß drei Portionen. Erstaunlich viel für ´ne Drei plus. Aber immerhin beruhigte sein Heißhunger mein Gemüt, drei Gläser Rotwein taten ein Übriges.

Als wir auf mein Bett fielen und uns gegenseitig die Klamotten herunterzerrten, wechselte mein Kochfrust gegen sinnliche Vorfreude. Das Essen hatte ihm doch geschmeckt und meine Mühen hatten sicherlich eine Belohnung verdient. Niklas schnaufte, keuchte und stöhnte – doch bevor ich richtig auf Touren kam – war es  schon wieder vorbei. Für einen Moment lag er noch regungslos neben mir, dann bückte sich Niklas nach seinen müffelnden Socken und schnupperte ausgiebig an ihnen.

„Nimm´s mir nicht übel, Mäuschen, aber du kommst zu schnell. Klar, bei einem Typ wie mir, da kann eine Frau schon mal die Kontrolle verlieren…“

Er grinste und zwinkerte mir zu.

Ich war sprachlos. Dieser eingebildete Sack! Der hatte doch tatsächlich bei mir einen Höhepunkt festgestellt, von dem ich selbst nichts mitbekommen hatte. In Windeseile zog ich mich wieder an. Kurz darauf reichte ich ihm seine Jacke und bugsierte ihn zur Haustür.

„Ach, das hätt ich fast vergessen: Gib mir mal deinen Rucksack. Ich pack dir noch was von den Bratkartoffeln ein. Da  ist ja noch einiges übriggeblieben.“

Er guckte etwas irritiert, dann hob er den Zeigefinger.

„Aber bitte nicht in so ´ne billige Plastikdose. Da geraten Nanoteilchen ins Essen, das muss ich nicht haben.“

Draußen im Flur reichte ich ihm wortlos seinen Backpacker. Er nahm ihn mit der linken Hand in Empfang und reichte mir dann zögernd die andere zum Abschied.

„Ja, dann. Das Essen, also das … das war ganz okay. Und der Sex … der war so zwei bis drei…“

Sein Blick fiel auf den Schrubber, den ich gemeinsam mit Putzeimer und Lappen neben meiner Wohnungstür geparkt hatte. Missbilligend schüttelte er den Kopf.

„Flurwoche…“, murmelte ich und packte den Schrubber wie ein Ritter seine Lanze zum Turnier.

 … Mit einem Ruck stieß ich zu und traf Niklas hart auf dem Brustbein. Er stöhnte kurz auf, dann fiel er über die Brüstung rückwärts ins Treppenhaus hinunter. Ich lauschte gespannt. Erstaunlich, nur ein einziger dumpfer Schlag … 

„Hey, Sweetheart, hörst du mir zu oder träumst du gerade?“

Niklas sah mich mit zur Seite geneigtem Kopf prüfend an.

„´Tschuldige, war in Gedanken. Ach, weißt du was? Nimm doch bitte noch den Lappen mit runter, ja … falls du Flecken machst. Ich hab doch vorhin erst geputzt.“

Mein Gegenüber staunte mich mit offenem Mund an.

„Ich mein ja nur. Wegen der Bratkartoffeln, die ich dir eingepackt habe. Ohne billige Plastikdose, wie gewünscht. Direkt in deinen edlen Wolfskin Survival Rucksack.“

Niklas machte großen Augen, dann schwenkte sein Blick hinunter. Vom Grund seines Rucksacks tropfte es auf den Boden.

„Siehst du, da geht´s schon los. Na, dann hinterlass mal keine Spuren. Meine Nachbarn verstehen da keinen Spaß. Und würdest du den Lappen bitte unten in die Tonne werfen, danke.“

Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter, drehte mich um, stapfte erhobenen Hauptes in meine Wohnung und ließ die Tür knallend hinter mir zufallen.

 

 

 

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